24h Le Mans – immer noch eine Reise wert?

Le Mans

Diese Frage wurde mir kürzlich von jemandem, der auch schon oft in Le Mans war, gestellt. Die Frage klingt frevelhaft, hat aber sehr wohl einen ernsten Hintergrund. Wer erst seit ein paar Jahren nach Le Mans fährt, oder gar noch nie in Le  Mans war, wird sich fragen, was die Frage soll. Wer aber noch das alte "McQueen-Le Mans" kennt und schon in der 70ern in Le Mans war, wird sich diese Frage schon mal gestellt haben.

"McQueen-Le Mans?"

Nun, "McQueen-Le Mans" ist das alte, geschichtsträchtige Le Mans, das inzwischen wegplaniert und durch Beton, Schikanen und Kies ersetzt wurde.

Gut, der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten und die Sicherheit und Komfortansprüche fordern ihren Tribut. Trotzdem, oder gerade deshalb, ist irgendwann der Punkt erreicht, wo man sich fragt, ob man dafür noch bereit ist 1400 km zu fahren und ein ganzes Wochenende (fast) ohne Schlaf durchzumachen.

Klingt nach "früher war alles besser"? 

Nun, wie war es denn früher?

Mein erstes 24h-Rennen in Le Mans erlebte ich 1977. Wir kamen am Donnerstag in Le Mans an. Das Gefühl, erstmals die Strecke, die man bis dahin nur aus dem Film "Le Mans" kannte (und den man bereits etliche mal im Kino gesehen hatte), live zu sehen war unbeschreiblich. Man betrat heiligen (Motorsport-) Boden. Alles, wirklich alles, war wie im McQueen-Film. Und es war gerade mal sechs Jahre her, daß Marko/Lennep hier mit ihrem Porsche 917 einen Distanzrekord aufgestellt hatten (der 39 Jahre halten sollte).

Nachmittags begann das Training und ich sah meine Favoriten, die Porsche 936. Mit ca. 250 km/h kamen sie durch die lange Rechtskurve vor dem Dunlop-Bogen "geflogen". Die Schikanen gab es 1977 noch nicht. Beeindruckend! Der Versuch, die schnellen Wagen mit einer "Ritsch-Ratsch-Kamera" zu fotografieren konnte nur scheitern:

 

Nach dem Training ging es in das alte Dorf hinter der Haupttribüne und in die Fahrerlager-Zelte der Teams. Man konnte -auch als normaler Fan- neben den Wagen stehen und den Mechanikern bei der Arbeit zusehen. Es war normal, daß dabei auch oft die Fahrer zugegen waren. Traumhaft! Das Dorf hinter der Haupttribüne hätte man eigentlich damals schon unter Denkmalschutz stellen müssen: Hier gab es alte Gebäude, die -zumindest erweckten sie optisch den Eindruck- vermutlich schon die ersten Rennen 1923 erlebt hatten. Pure Motorsport-Kultur! Dazu die kleine Kart-Bahn für Kinder, auf der die Kurzen ihre eigenen "24h-Rennen" fuhren - wimre stilecht mit Le Mans-Start.

Ach ja: Dass einem auf der Landstraßen um Le Mans auch schon mal ein Rennwagen entgegenkam, oder man von einem überholt wurde, war nichts ungewöhnliches. Die Wagen wurden abends von den Mechanikern über öffentliche Straßen in die angemieteten Hallen (die von Porsche lag in Teloché) gefahren. Die Polizei duldete dies.

Auf der alten Haupttribüne saß man "erste Reihe Mitte" bei den Boxenstopps. Man war wirklich "mittendrin, statt nur dabei". Die Wagen wurden vor den Augen der Zuschauer repariert und gewartet. Wagen, die hinter Sichtschutzwänden in der Box verschwanden gab es nicht. Man sah in allen Details was passierte. Man hörte wie die Mechaniker fluchten, oder wie sie vor Schmerz stöhnten, wenn sie sich bei Reparaturen am am glühendheißen Triebwerk verbrannt hatten.

Im Fahrerlager traf man Fahrer, die gerade ihren Turn hinter sich gebracht, oder noch vor sich hatten. Und man konnte den Fahrern ansehen, ob sie ihren Turn schon hinter sich hatten. Klimaanlagen und Servounterstützung gab es nicht - und es teilten sich nur 2 Fahrer einen Wagen über die 24 Stunden.

Bereits ausgefallenen Wagen standen im Fahrerlager und ließen sich begutachten.

Die schnellsten Wagen pfiffen mit gut 380 km/h im Rennen über die Hunaudiéres. Innerhalb einer Sekunde war ein Wagen, der noch gut 50 Meter entfernt war, an einem vorbei und hatte sich wiederum um ca. 50 Meter entfernt. Später wurde gar die 400 km/h-Marke geknackt.

Und heute? Das Dorf wegplaniert und asphaltiert, die alte historische Hauttribüne durch einen Betonblock ersetzt, dessen Dach keinerlei Schutzfunktion hat und wohl nur Design-Zwecken dient. Die Strecke ist durch Schikanen verhunzt und zugleich wurde derart viel Kies in der Gegend verstreut, dass man tagsüber eine Schneebrille braucht. Dafür stehen Leitplanken direkt vor Hindernissen und werden so ihrer Funktion beraubt. Allan Simonsen zerschellte an einer funktionslosen Leitplanke.

Selbst das Reglement wurde verhunzt: Während man früher nicht mal ein Getriebe erneuern durfte, sondern es reparieren musste, baut -oder besser "steckt"- man heute um das Lenkrad eines verunfallten Wagens ein neues Auto. Audi hatte es mal demonstriert: Zwei verunfallte Wagen schleppten sich nach Unfällen zur Box und nahmen das Rennen, dank Modulbauweise, 10 Minuten später als "Neuwagen" wieder auf.

Was steckte nochmal hinter dem Gedanken eines Langstreckenrennens?  

Lohnt sich eine Reise zu den 24h Le Mans also noch?

Für den, der das alte Le Mans nicht kennt: Ja klar! 

Die 24h von Le Mans sind immer noch das größte Autorennen der Welt, dessen Tradition bis in das Jahr 1923 zurück reicht. Und auch wenn viele Dinge, die das Rennen ausmachten, nicht mehr vorhanden sind, oder verhunzt wurden, ist es immer noch eine gigantische Motorsport-Veranstaltung - und zugleich das größte Volksfest Frankreichs! Und wer die 380 km/h nicht selbst erlebt hat wird sie nicht vermissen, dem reichen die 350 km/h der heutigen Zeit. Wir selbst hatten ja auch den klassischen Le Mans-Start, der bis 1969 durchgeführt wurde, nicht vermisst. Wir hatten ihn ja nie selbst erlebt. 

  • 1-LeMansk
  • 2-LeMansk
  • 2a-LeMansk
  • 3-LeMansk
  • 4-LeMansk
  • 5-LeMansk