24h Le Mans 2017 - Nachlese


Nach dem Toyota-Drama des letzten Jahres, als der führende Toyota in der vorletzten Runde des Rennens wegen eines technischen Defektes ausfiel, wollte man bei Toyota 2017 auf "Nummer sicher" gehen und setzte einen dritten Wagen ein. Audi war aufgrund der bekannten "Diesel-Problematik" nicht in Le Mans und Porsche konnte aus den finanziellen Folgen dieser Thematik nur mit zwei Wagen antreten. Dazu hatte Toyota einen "Kniff" mit dem Diffusor entdeckt, der im Bereich Grauzone anzusiedeln ist, aber von der FiA für legal erklärt wurde und die Toyota noch schneller machte.

Allerbeste Voraussetzungen also für Toyota also, die 24h Le Mans im 19. Versuch endlich zu gewinnen!

Nun, das Ergebnis ist bekannt. Toyota markierte im Qualifying eine Fabelzeit und schlug sich im Rennen selbst.

Suche nach den Gründen für das neue Toyota-Desaster:

#7: Ein Missverständnis? Schlecht informierte Fahrer? Technisch unausgereiftes System?

Der Fahrer sah einen Menschen, der ihm "Daumen hoch" signalisierte und interpretierte dies fälschlicherweise als Zeichen für freie Fahrt. Trotz roter Boxenampel fuhr er los. Das Team befahl ihm anzuhalten. Dadurch kam er außerhalb der Boxengasse zum Stehen und das erneute Anfahren erfolgte deshalb nicht im E-Modus, sondern mit dem Verbrennungsmotor - was letztendlich die Kupplung killte.

Der Ausfall der #7 war also die Folge mehrerer vermeidbarer Fehler:

1. Eine rote Boxenampel überfährt man nicht!

2. Wenn man weiß, dass die Kupplung sensibel auf das Anfahren mit dem Verbrenner reagiert, findet man entweder Lösungen auch außerhalb der Boxengasse mit dem E-Motor zu starten, oder instruiert die Fahrer, wie in einem solchen Fall vorgegangen wird.


#8: Den Toyota ereilte ein ähnlicher Defekt, wie ihn auch Porsches #2 traf. Dies ist wohl unter "Pech" einzuordnen, denn es gab bei den Testfahrten keine Temperaturen, wie sie dann im Rennen auftraten. Ansonsten hätte man sich vielleicht gegen diesen Defekt absichern können.

Aber im Gegensatz zu Toyota traf Porsche die richtige Entscheidung, was zu reparieren war. Hätte man bei Porsche nur wenige Minuten länger repariert, wäre das Abfangen des führenden LMP2 durch die #2 nicht mehr möglich gewesen.

Toyota reparierte -mit dem Wissen noch zwei heiße Eisen im Feuer zu haben- umfassend und auf Verdacht - mit dem Ergebnis, dass die #8 dadurch zu weit zurück fiel um noch eine Rolle im Rennen zu spielen. Man wurde selbst von den LMP2 geschlagen.

Pech und (vermutlich) eine Fehlentscheidung nahmen den Wagen aus dem Kampf um den Sieg.


#9: Der Fahrer, der beim Unfall der #9 am Steuer saß, wurde 2014 von Toyota entlassen, weil er zu leichtsinnig und damit "unfallanfällig" war. Dann stellt man diesen Fahrer ausgerechnet für die 24h von Le Mans wieder ein? 

Gab es keine Ex-Audi-Piloten, die man verpflichten konnte?

Die Schuldfrage ist zwar noch nicht 100%ig geklärt, aber es sieht nach momentanem Stand so aus, als ob Lapierre zu viel Risiko ging.

Pech und/oder eine Fehlentscheidung besiegelten das Ende der #9.

Fazit: Toyota schlug sich 2017 in Le Mans selbst.  Konnte man 2016 noch Mitleid mit Toyota haben, so wäre der Sieg 2017 nicht verdient gewesen. Unverständlich, dass Toyota mit der Erfahrung von 19 Le Mans - Einsätzen solche Schnitzer passieren.

2018 wird man dann den lang ersehnten Sieg -ohne die Beteiligung von Porsche- wohl einfahren.

Falls man sich nicht wieder selbst ein Bein stellt...

BTW: Das 2017er 24h-Rennen erinnerte mich stark an die 24h Le Mans 1977. Damals war ich erstmals in Le Mans. Der letzte verbliebene Porsche startete, scheinbar aussichtslos hinter eine Armada von Renault-Werkswagen und zwei Mirage-Renault zurückgefallen, eine einmalige Aufholjagd.


Ein paar Gedanken zu der Kritik an die "ach so anfälligen" Hybrid-LMP1:

Werte Kritiker:  Es geht hier um ein Langstreckenrennen! Also um einen Ausdauerwettbewerb! Dazu gegen starke Konkurrenz. Es gilt also (immer noch) ein Rennfahrzeug am Limit zu bauen, das 24 Stunden lang sehr schnell ist - schneller als der Gegner.

Welche Rennsport-Legende meinte, dass der beste Rennwagen der ist, der nach der Ziellinie auseinanderfällt?

Da hat sich seit 1923 nichts geändert! Früher fielen die Wagen primär durch Getriebe- und Motorschäden aus obwohl sie NICHT -wie heutzutage- 24 Stunden am Limit gefahren wurden!

Getriebeschäden gibt es heute, dank Fahrhilfen, kaum noch. Motorschäden logischerweise sehr wohl, auch wenn Triebwerke durch Verschalten nicht mehr überdreht werden können. Um wirklich schnell zu sein muss man halt am Limit bauen. Würde der Speed keine Rolle spielen, könnte man Rennwagen bauen, die 365 Tage am Stück problemlos fahren.

In Langstreckenrennen spielt also die Standfestigkeit  nach wie vor eine Rolle - und das ist gut so! Ansonsten bestände der Unterschied zur sogenannten Formel 1 nur in der Länge des Rennens - und der Tatsache, dass bei den 24h wirklich 24 Stunden lang am Limit gefahren wird - während man in den kurzen F1-"Sprint"-Rennen des öfteren spazieren fährt und den Vorsprung verwaltet.

Verkehrte Welt!